China erweckt die Minivans zu neuem Leben

Manchmal wiederholt sich Geschichte nicht nur. Manchmal wiederholt sich sogar die Wiederholung. Vor ziemlich genau 13 Jahren titelten zahlreiche Medien „Die Rückkehr der Vans“ sei gekommen. Nachdem ab Mitte der 1980er Jahre familientaugliche Großraumlimousinen wie Renault Espace, Chrysler Voyager oder später der VW Sharan zu ungeahnten Verkaufserfolgen aufbrachen, ließ ab Mitte der 2000er Jahre die Begeisterung für Minivans deutlich nach. Ein Modell der praktischen aber nicht besonders attraktiven Multifunktionsfahrzeuge mit sieben oder mehr Sitzplätzen nach dem anderen verschwand aus den Showrooms. Andere, wie Volkswagens Touran oder Multivan, blieben. Und fanden weiter ihre Kundschaft.

Ab 2012 dann das Comeback. Ford etwa schickte die Modelle Tourneo und B-Max ins Rennen, von Dacia gab‘s den Lodgy und Opel brachte den Combo auf den Markt. Passend zum 30. Geburtstag feierte 2014 auch eine neue Espace-Generation ihr Debüt. Für die neuen Vans griffen einige Hersteller diesmal allerdings auf Nutzfahrzeugmodelle als Basis zurück, getreu dem Motto „Was für Kisten und Kästen taugt, lässt sich auch für Kind und Kegel nutzen“.

Zahlreiche Kleintransporter wurden dazu einfach in einer familienfreundlichen Variante angeboten. In der Regel hatten diese Fahrzeuge mehr Stauraum als herkömmliche Vans, waren aber deutlich günstiger. Doch auch die zweite Erfolgswelle lief bei uns bald wieder aus und der Absatz ging deutlich zurück. Gegen den Siegeszug der SUVs hatten die sogenannten MPVs (Multipurpose Vehicles) letztlich keine Chance.

Aber seit einiger Zeit tut sich wieder was bei den Minivans. Im Zeitalter der Elektromobilität mit neuen Antrieben und neuen Fahrzeugkonzepten, scheint eine weitere Renaissance der fahrbaren Raumwunder möglich. Anders als in den 2010er Jahren sind aber diesmal nicht etwa die europäischen oder japanischen Hersteller die Treiber. Heute machen die Chinesen die Pace. Die Datenanalysten vom Automobilmarktforscher JATO Dynamics haben sich deshalb einmal die Entwicklung der MPVs in Deutschland und China seit dem Jahr 2015 angesehen: Wie hat sich der Marktanteil verändert? Wer bietet wie viele Modelle an? Und welche Modelle sind wo besonders erfolgreich?

Marktanteil ähnlich – Absatzzahlen sehr unterschiedlich

„Schaut man nur auf den Marktanteil, unterscheiden sich die beiden Länder nicht großartig“, sagt Steffen Michulski, Regional Consultant Europe von JATO Dynamics. 2015 kamen die Minivans in Deutschland auf 2,0 und in China auf 2,5 Prozent Marktanteil. Im vergangenen Jahr lag dieser noch näher beieinander: Bei uns war er auf 3,6 Prozent gestiegen, in China kamen die Großraumlimousinen auf 3,3 Prozent.

„Betrachtet man allerdings die Absatzzahlen, könnte der Unterschied kaum deutlicher sein“, sagt Michulski. Dann wird sofort klar, warum das zweite Comeback der MPVs aus China kommt. 2015 wurden dort knapp 557.000 Minivans abgesetzt, 2024 waren es sogar mehr als 915.000 – ein Plus von 64 Prozent. In Deutschland dagegen wurden 2015 weniger als 64.000 MPVs abgesetzt, im vergangenen Jahr waren es immerhin schon wieder mehr als 100.000. Das ist in etwa so viel, wie von klassischen Limousinen verkauft wurde – aber weniger als ein Zehntel dessen, was SUVs erzielten. Und: In China wurden so viel allein vom populärsten Minivan, dem Denza D9, abgesetzt.

Kein Wunder also, dass der Unterschied bei den verkauften Marken und Modellen noch gravierender ausfällt. Nicht weniger als 61 verschiedene Modelle von 32 einheimischen und ausländischen Marken fanden im vergangenen Jahr in China Kunden. Die beiden erfolgreichsten Modelle nach dem Denza waren zwei Toyota vor einem Buick. Die erfolgreichste Marke mit drei Modellen unter den Top-10-Verkäufen war Trumpchi – eine chinesische, keine amerikanische Marke. Die halbe Million MPVs, die 2015 abgesetzt wurden, verteilten sich auf 32 verschiedene Modelle von 19 Marken. Erstaunlich: Denza gehörte nicht dazu.

In Deutschland sind chinesische Minivans noch Mangelware

Die 2015 in Deutschland zugelassenen Minivans verteilten sich bis auf fünf Fahrzeuge auf 24 Modelle von gerade einmal vier Marken (Ford, Mercedes, Renault und VW). Die Bestseller waren damals VW Sharan, Mercedes V-Klasse und Seat Alhambra. Im vergangenen Jahr verteilten sich die gut 100.000 Einheiten dagegen auf nicht weniger als 68 Modelle – von immerhin fast 20 Marken. Mercedes V-Klasse und VW Multivan waren die einzigen, die auf mehr als 10.000 Einheiten kamen. Mit Maxus war aber nur ein chinesischer Hersteller mit nennenswerten Absatzzahlen dabei.

Fazit: Chinesische Autohersteller haben das Potenzial der Fahrzeuge mit reichlich Platz für Passagiere und Fracht voll erkannt und machen sie seit einiger Zeit wieder salonfähig. Wie bei anderen Segmenten oder den Elektrofahrzeugen auch ist es wohl nur eine Frage der Zeit, wann sie die neue Generation der Minivans in größerer Stückzahl auch bei uns anbieten werden.

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