WLTP macht die Kfz-Besteuerung sehr komplex

Die Einführung des WLTP-Testverfahrens im September 2018 sorgte für mächtig Wirbel. Obwohl der Termin lange feststand, konnten Neuwagen wochenlang an Kunden nicht ausgeliefert werden, weil für zahlreiche Modellvarianten noch keine neu berechneten Verbrauchs- und CO2-Angaben vorlagen. Das ist aber Voraussetzung, werden doch in einigen europäischen Ländern die Kfz-Steuern nach den Emissionswerten erhoben. Die Folge waren Absatzeinbrüche, wie zum Beispiel in Finnland.

Doch die Konsequenzen sind wesentlich weitreichender als es auf den ersten Blick erscheint. Durch WLTP können noch weitere Kosten entstehen. JATO Dynamics hat deshalb die derzeit geltende Fahrzeugbesteuerung verschiedener Länder untersucht und die verschiedenen Richtlinien und möglichen Auswirkungen für Hersteller, Händler oder Leasing-Gesellschaften analysiert.

Kleine Änderung – große Wirkung

Jedes in Europa verkaufte Neufahrzeug hat seinen eigenen WLTP-Wert. Doch jede Änderung an der Standardversion dieses Modells kann sich direkt auf den CO2-Ausstoß auswirken, zum Beispiel durch die Wahl der Optionen. So erhöht sich der Emissionswert etwa durch eine Anhängerkupplung oder ein Panoramadach um ca. 2 g/km CO2. Deshalb muss jede Änderung an der Fahrzeugspezifikation separat berechnet werden. Hinzu kommt, dass WLTP die nationalen Besteuerungen in Europa beeinflussen kann – unter anderem bei den Umsatz-, Besitz- oder Firmenwagensteuern. Da jedes Land seine eigene Steuerregelung hat, müssen die Hersteller und Leasingfirmen permanent auf die nationalen Änderungen achten, die sich für ihre Modelle und Flotten ergeben können.

Ein Beispiel: Der CO2-Ausstoß eines durchschnittlichen Benzinerfahrzeugs (120 g/km CO2, 5,3 l/100 km, 1.400 kg Gesamtgewicht, 20.000 Euro) erhöht sich durch das Nachrüsten von größeren Felgen und Panoramaschiebedach für 1.000 Euro um 5 g/km, der Kraftstoffverbrauch steigt auf 5,5 l/100 km und das Gewicht auf 1.450 kg.

Was bedeutet das für die Besteuerung nach WLTP? Dazu vier Länder im Vergleich:

DEUTSCHLAND
In Deutschland würde sich der Neupreis des Fahrzeugs nur um den Preis der Extras, jedoch ohne zusätzliche Besteuerung der Option, erhöhen. Die jährliche Kfz-Steuer fiele um 11 Euro höher aus. Diese Berechnung gilt für ein Fahrzeug mit 1,5 Liter-Ottomotor.

FRANKREICH
In Frankreich wäre für das Fahrzeug keine zusätzliche Steuer fällig, da der CO2-Ausstoß unter 133 g/km liegt. Erst bei einem Emissionswert von 133 g/km, erhöht sich die Steuer für den Erwerb des Fahrzeugs um 50 Euro, für jedes zusätzliche Gramm kommen dann jeweils weitere 25 Euro dazu.

IRLAND
In Irland erhöht sich die Steuer für den Erwerb des Fahrzeugs aufgrund der Optionen um 107 Euro. Durch die zusätzlichen Optionen im Wert von 1.000 Euro beträgt der Gesamtpreis also 21.107 Euro. Besonderheit: Die Besteuerung nimmt in Irland bei höheren CO2-Emissionen stärker zu. Während die Erhöhung der Emissionen von 120 auf 125 g/km die Steuern für den Erwerb des Fahrzeugs um 107 Euro erhöhen, würde eine Erhöhung von 170 auf 171 g/km beim gleichen Fahrzeug gleich einen Steueraufschlag von 126 Euro bedeuten – nur für dieses eine Gramm.

NIEDERLANDE
Bei unseren Nachbarn fallen für das Fahrzeug bereits ohne die genannten Optionen ganze 3.146 Euro an CO2-Steuern an. Mit den Extras würden weitere 660 Euro fällig. Macht zusammen 3.806 Euro an Steuern für den Erwerb des Fahrzeugs. Ähnlich wie in Irland steigt die Kfz-Steuer mit höheren Emissionswerten – jedes Gramm über 172 g/km kostet 432 Euro. Noch härter trifft es Diesel-Besitzer: Für ein Fahrzeug, das mehr als 77 g/km CO2 ausstößt, kommen noch einmal 83,59 Euro pro Gramm zum CO2-Satz eines Benziners hinzu. Das bedeutet, dass bei Erwerb eines Dieselmodells 515,59 Euro an Steuern für jedes zusätzliche Gramm CO2 oberhalb von 172 g/km gezahlt werden müssen.

Individuelle Berechnung kostet Zeit

In Anbetracht der unendlich vielen Möglichkeiten ein Fahrzeug zu verändern und das bei 15 Millionen Neuwagen, die jedes Jahr in Europa verkauft werden, wird das Problem schnell deutlich: Die Berechnung des individuellen WLTP-Werts für jedes Fahrzeug erfordert Zeit und Präzision.

Für Leasingfirmen ist jedoch entscheidend, über genaue WLTP-Werte zu verfügen, die den Anforderungen ihrer Kunden und deren Fuhrparkrichtlinien entsprechen, damit sie weiterhin im Geschäft bleiben. Und die Hersteller können ohne genaue WLTP-Angaben die jeweiligen Fahrzeugpreise nicht vergleichen. Die brauchen sie aber, damit ihre Fahrzeuge in jedem Markt wettbewerbsfähig sind. Ohne genaue Angaben riskieren sie, dass sich ihre Modelle nicht verkaufen und für ihre Kunden zu teuer werden.

Der Text basiert auf dem Report „Unpacking WLTP“ über CO2-basierte Kraftfahrzeugsteuern in Europa. JATO Dynamics liefert einzelne und kombinierte Angaben zum CO2-Emissionsanteil von Einzeloptionen und Optionspaketen eines Fahrzeugs.

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